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TRIANGULATION AN EINEM HUND 2006
MDF, Glas, Styropor, Präparierter Hund, Polysterol; 230 x 80 x 120 cm l


TRIANGULATION AN EINEM HUND DIPLOM 2006
Auszug aus: Oona Peyrer-Heimstätt: Geometrische Gewalt. Über die "Triangulation an einem Hund". l
Inst. f. Kunstwissenschaften, Kunstpädagogik u. Kunstvermittlung; Universität für angewandte Kunst Wien,
Juni 2006 (Diplomarbeit)

Als "Triangulation" bezeichne ich die formale Veränderung eines gegebenen Gegenstandes durch die Anbringung einer Struktur aus gleichseitigen Dreiecken unter dessen Oberfläche.

"Triangulation an einem Hund" zeigt auf Fotografien, Plänen und an einem Modell den Körper eines Hundes, auf dessen Fell der linken Hüfte sich deutlich eine Fläche gleich großer, gleichseitiger Dreiecke abzeichnet. Es ist anzunehmen, dass diese durch einen operativen Eingriff in den Körper des Hundes implantiert wurden bzw. werden, denn die Elemente der Präsentation verweisen darauf, dass es sich bei dieser Darstellung um einen Entwurf zur Realisation und nicht um eine Dokumentation einer schon durchgeführten Arbeit handelt.
Skizzen und Pläne für die Oberflächengestaltung eines Hundes, das Modell eines Hundekörpers mit eingefügten Dreiecken unter dessen Fell, Analysen von hautverträglichen Materialien, und nicht zuletzt die Beschreibung eines operativen Eingriffs in den Tierkörper zwecks Implantation von Silikon-Dreiecken - Modelle, Pläne, Fakten und Fotos, dies sind alles Bestandteile, die auf eine Planung zur Realisierung von Architektur hinweisen. Trotz einer anfänglichen Unsicherheit über die Echtheit der Fotografien wird der Betrachter also sehr schnell erkennen, dass diese Triangulation noch nicht durchgeführt wurde.
Nichtsdestotrotz ist der Rezipient gefordert, Stellung zu dem möglichen Eingriff zu beziehen. Die Elemente der Präsentation legen nahe, dass der Eingriff aus medizinisch-technischer Perspektive heute möglich ist. Die Reflexion einer ästhetisch-moralischen Debatte bleibt hier aber genauso unsichtbar wie unvermeidbar. Diese Fragen für sich zu beantworten wird dem Betrachter überlassen. Dabei erfährt er sein Unvermögen, ein eindeutiges Urteils abzugeben. Es handelt sich um das ambivalente Gefühl, welches ein erhabener Gegenstand auszulösen vermag, eine Gemütsbewegung, die unentschieden zwischen Lust und Unlust hin- und herschwankt. Denn was der Betrachter hier aus moralischer Sicht verurteilen muss, möchte er zugleich aus ästhetischer Sicht genießen:

Diese Verbindung zweier widersprechender Empfindungen in einem einzigen Gefühl beweist unsere moralische Selbständigkeit auf eine unwiderlegliche Weise. Denn da es absolut unmöglich ist, daß der nämliche Gegenstand in zwei entgegengesetzten Verhältnissen zu uns stehe, so folgt daraus, daß wir selbst in zwei verschiedenen Verhältnissen zu dem Gegenstand stehen, daß folglich zwei entgegengesetzte Naturen in uns vereiniget sein müssen, welche bei Vorstellung desselben auf ganz entgegengesetzte Art interessiert sind. Wir erfahren also durch das Gefühl des Erhabenen, daß sich der Zustand unsers Geistes nicht nothwendig nach dem Zustand des Sinnes richtet, daß die Gesetze der Natur nicht nothwendig auch die unsrigen sind, und daß wir ein selbständiges Principium in uns haben, welches von allen sinnlichen Rührungen unabhängig ist. (Schiller, Friedrich: Über das Erhabene. erschien erstmals im III. Theile der Sammlung kleiner prosaischer Schriften, Leipzig bei Crusius 1801 / verfasst 1793/94, unter: http://gutenberg.spiegel.de - 25.5.2006)



Durch einen operativen Eingriff unter Narkose werden einem Hunde 15 Plättchen aus gehärtetem Silikon in Form von gleichseitigen Dreiecken implantiert. Die Implantate werden direkt unter dem Fell der linken Hüfte bis hinauf zum Rücken des Tieres mit Abständen von jeweils 0,4 cm zueinander angeordnet und wachsen dort durch ihre hautähnliche Struktur mit der Haut des Hundes zusammen. Die Seitenlänge der Dreiecke beträgt 6,5 cm, ihre Stärke misst 0,2 cm. So entsteht die Triangulation.
Wie auch bei den bisherigen Arbeiten besteht die Spannung der Intervention in der Beziehung zwischen einem profanen Gegenstand, dem Wesen des Hundes und seinem geometrischen Implantat. Zwar folgt die triangulierte Fläche weitgehend der Morphologie des Hundes, gleichzeitig behauptet sie aber auch ihren eigenen Willen.
Deutlicher als bisher stehen sich in dieser Arbeit zwei Systeme gegenüber, die jeweils für sich genommen in einem funktionierenden Regelkreis bestehen, über ihre gewalttätige Verschränkung jedoch ein Feld von Unsicherheiten eröffnen. Der Gegensatz besteht zwischen einer Künstlichkeit, die der menschlichen Vernunft entspringt und einer Sinnlichkeit, die aus der Natur geboren ist.  
Die Geometrie bzw. Mathematik ist eine künstlich geschaffene abstrakte Wirklichkeit. Sie operiert mit Formeln und Körpern, die vollkommen den mathematischen Gesetzmäßigkeiten folgen. Eine solche Regelmäßigkeit ist in der ?wirklichen" Welt nicht zu finden. In der Natur stoßen wir niemals tatsächlich auf eine Gerade oder auf ein gleichseitiges Dreieck.
Die künstlich geschaffene Ordnung bleibt aber nicht immer nur eine gedankliche Spielerei des Menschen, sondern dient seit ihrer Entstehung der Analyse und der Instrumentalisierung von Natur. Einmal denkt er dabei, die Mathematik in der Natur selbst zu finden, ein anderes Mal gebraucht er die Mathematik, um die sinnliche Welt für sich zu ordnen, zu verstehen und zu nutzen.
Die ?Triangulation" ist als Metapher einer mathematisch-wissenschaftlichen Analyse lesbar. Über sie entsteht ein Raster auf der Oberfläche des Hundes, das denselben in Segmente von Dreiecken immer gleicher Größe und Form gliedert. Dieses Verfahren wird auch in der Architektur angewandt. Die ?Triangulation" ist dort eine Methode, die zum Zwecke der Oberflächenvermessung eines Gegenstandes oder einer Landschaft, ein ebensolches Raster über diese wirft.

Auch beim Hund dient die Segmentierung in einfache geometrische Formen einer Aufschlüsselung seiner Gestalt. Durch die Dreiecke wird die Form des Tieres in einen einfachen mathematischen Code verwandelt, der vom menschlichen Gehirn oder seinem Werkzeug, dem Computer leichter verarbeitet werden kann als die Ansammlung unterschiedlichster Winkel, Linien und Formen, aus denen sich das Tier ursprünglich zusammensetzte.
Zugleich ist die Triangulation, wie sie hier am Hund vorgeführt wird schon mehr als eine bloße Beschreibung seiner Oberfläche. Vielmehr handelt es sich bei dem Eingriff um eine Veränderung seiner Architektur. Zwar dient eine Normgröße wie das immer gleiche Dreieck der wissenschaftlichen Datengewinnung, für das Tier bedeutet sie aber einen brutalen Zwang zur Anpassung an diese Norm. Die Dreiecke legen sich nur bis zu einem gewissen Punkt dem Körper des Hundes an. Ab diesem Punkt ist es der Hund, der sich dem geometrischen Muster unterordnen muss. Dass Wissenschaft niemals nur ein rein deskriptives Verfahren ist, wird hier deutlich vor Augen geführt. Über die analytische Zergliederung und Ordnung des Hundes greifen sie verändernd in diesen ein und machen so eine Beschreibung seines ursprünglichen Wesens unmöglich.
In der Kombination von Tierkörper und geometrischem Raster, von Forschungsobjekt und wissenschaftlicher Analyse, wirft die ?Triangulation an einem Hund" nicht nur Fragen nach der Möglichkeit von Wissenschaftlichkeit sondern auch nach der Obsession zur und dem Zwang der Analyse auf. Die Verletzung des Tieres spiegelt sowohl einen allein menschlichen Drang wieder, die gesamte Welt einer wissenschaftlichen Untersuchung zu unterziehen als auch seinen Trieb, über seine Erkenntnisse hinaus Natur zu beherrschen. Dank seiner Geisteskraft ist der Mensch heute in der Lage, eine ästhetische Operation an einem Tierkörper durchzuführen, ohne dessen Leben zu gefährden. Er hat sich die Möglichkeit geschaffen, die Erscheinung seiner Umwelt und auch sein eigenes Aussehen weitgehend zu kontrollieren. Neben der Verantwortung, die eine solche Möglichkeit birgt, ist es deshalb auch ein Gefühl von absoluter Potenz, das bei der Betrachtung der ?Triangulation an einem Hund" entsteht. In doppelter Weise erkennt sich der Rezipient gegenüber der geometrischen Intervention als ein omnipotentes wie omnidestruktives Wesen. Denn sowohl die Intervention als Technik wie auch die Geometrie als abstrakte Konstruktion sind Beweise seiner besonderen Fähigkeit, vernünftig zu denken, die ihn über jedes andere natürliche Lebewesen stellt.
Gegenüber der künstlerischen Arbeit ist der Betrachter aus dieser Sicht fasziniert von seinem Geschick, gleichzeitig erschrickt er aber, denn seine Gabe stellt umgekehrt eine Bedrohung dar, als es sich gegen ihn selbst bzw. gegen seine Lebensregeln richten kann.
Aus moralischer Perspektive muss der Betrachter verurteilen, was er aus der Reflexion über seine Herrschaft genießt. Denn seine Vernunft gebietet ihm auch Verantwortung über sein Handeln zu übernehmen, sein Tun zu reflektieren und bei einem Verstoß gegen seine moralischen Prinzipien mit einem schlechten Gewissen zu kämpfen.
Gerade der Hund ist aufgrund seiner nahen Beziehung zum Menschen ein Lebewesen, gegenüber dem er eine besondere Verantwortung entwickelt hat. Seine Identifikation mit dem leidensfähigen Begleiter erwartet einen respektvollen Umgang mit dem Tier. Eine ästhetische Operation, an der sich alleine der Mensch erfreuen kann, entspricht wohl nicht den Wünschen und Bedürfnissen des Hundes, sondern stellen im Gegenteil eine gewalttätige Einmischung in den tierischen Lebensraum dar.
Nicht zuletzt ist es jedoch gerade die moralische Verwerflichkeit, die den Betrachter in ungeahnter Weise anzieht. Denn gerade über diese unangenehme Berührung erkennt er sein Vermögen, überhaupt ein moralisches Urteil fällen zu können. Mit dem Verstoß gegen die Moral handelt der Mensch einmal zugunsten eines triebhaften Verlangens, gleichzeitig erfährt er auch gerade in diesem Verschulden ein leidiges Gefühl, dass ihn mit seiner potenziellen Sittlichkeit konfrontiert.
Das gleichzeitige Gefühl von Lust und Unlust, das der Betrachter angesichts eines Gegenstandes erlebt, fällt seit dem 18.Jahrhundert unter den Begriff des ?Erhabenen". Sowohl Immanuel Kant als auch nach ihm Friedrich Schiller betonen die ästhetische Erfahrung anhand eines erhabenen Gegenstandes gegenüber einem bloß Schönem. Denn durch die Gleichzeitigkeit gegensätzlicher Empfindungen, die er im Betrachter auszulösen vermag, reizt er weit mehr als ein rein positiv-schön oder rein negativ-hässlich beurteiltes Objekt.
Der erhabene Gegenstand versetzt den Rezipienten in ein Schwindelgefühl, das ihn zwischen Lust und Unlust hin- und herschwanken lässt. Das Erlebnis des Sublimen entsteht dabei durch ein erfahrenes Unvermögen des Menschen, das ihn zur selben Zeit auf die menschliche Begabung hinweist, sein Unvermögen überhaupt zu denken.   
Gegenüber der ?Triangulation an einem Hund" erlebt der Betrachter eine solche Gefühlsmischung auf zweifache Weise. Einmal ist es ein Drang der menschlichen Vernunft nach einer umfassenden Verwissenschaftlichung der Welt, der sich in den Grenzen der Wissenschaft widerspiegelt. Ein anderes Mal ist es ein triebhafter Verstoß gegen das Sittengesetz, der ihn auf die Existenz seines Moralsinns hinweist.
Der Betrachter steht unentschieden zwischen Anziehung und Ablehnung vor der Beurteilung der künstlerischen Arbeit. Gerade aus diesem Gefühl entsteht die Spannung des triangulierten Hundes. Unfähig, eine klare Position zur Arbeit zu beziehen, erkennt der Rezipient an dieser seine eigene Erhabenheit.

Abschließend soll hier in aller Kürze noch eine relativ junge Entwicklung Erwähnung finden, die in enger Verwandtschaft zu der ästhetischen Veränderung des Hundes steht.
Seit 2001 besteht im ?happy-surgery" Brasilien der Trend, das persönliche Haustier den Händen eines Schönheitschirurgen zu überlassen: "Face-lift for your dog - Brazilian Vet does it all." (http://seattlepi.nwsource.com/national/216274_dogfacelift17.html - 15.06.2006) Vom Spannen schlaffer Haut über das Aufrichten von Ohren, dem Ausgleichen der Körpersymmetrie, bis zum Richten der Zähne - paradoxerweise erlebte nach einem Verbot des Kupierens von Ohren und Schwanz der Eingriff zwecks Schönheitsoperationen an Tieren in den letzten Jahren einen erheblichen Aufschwung. Während ersterer unter die gesetzliche Definition der ?Tierquälung" fällt, wird letzterer mit der Begründung einer Verbesserung der ?Gesundheit" des Tieres gerechtfertigt.
Eine ambivalente Mensch-Tier-Beziehung ermöglicht ein solches Paradox. Besonders zum Hund pflegt der Mensch eine zweischneidige Beziehung. So ist dieser einerseits ein Lebewesen, mit dem sich der Mensch aufgrund einer engen Beziehung identifiziert, das vielerorts als bester Freund oder Familienmitglied bezeichnet wird. Andererseits wird aber gerade an diesem Hund eine Machtposition des Menschen gegenüber der Natur deutlich, die alles andere als Gleichberechtigung verspricht. Das zeigt sich schon bei der Wahl und dem Kauf eines Hundes und weiter bei der Einteilung seiner Mahlzeiten, seiner Wege, seiner Bewegungsfreiheit, usw.
Auch die Schönheitsoperation ist einmal eine Gleichstellung von Herr und Hund, denn was das Herrchen bekommt, soll dem Hündchen nicht fehlen. Vielmehr noch wird durch einen solchen Eingriff aber die Überlegenheit des Menschen über die Natur sichtbar. Seine Vernunft ermöglicht ihm das gegebene Erscheinungsbild des tierischen Körpers zu bewerten und im Fall eines negativen ästhetischen Urteils weiß er sich zu helfen, um dieses zu verändern.
Im Sinne der angesprochenen Identifizierung ist der Hund ein Objekt, in das der Besitzer seine Emotionen und Ansichten projiziert bzw. integriert. In seiner Definition als natürliches Lebewesen ist derselbe Hund aber ein Tier, das der menschlichen Gewalt ohnmächtig ausgeliefert ist.
?Triangulation an einem Hund" stellt eine ebensolche ästhetisch motivierte Operation an einem Tier dar. Die eingefügten geometrischen Formen haben hier aber mit dem natürlichen Erscheinungsbild des Hundes nichts mehr gemein sondern folgen einer reinen, ?utopischen Ordnung". Als Objekt der Identifizierung kann in diesem Hund die Projektion meines eigenen zwanghaften Ordnungsbedürfnisses gelesen werden. Aber auch das Gefühl der Kontrolle und Macht über das fremde Leben - über einen Eingriff ohne Zustimmung, über eine medizinisch-technische Möglichkeit und über eine ästhetische und moralische Urteilskraft - machen einen wesentlichen Reiz der Arbeit aus.