DIE SERIE DER "TRIANGULATIONEN"
Auszug aus: Oona Peyrer-Heimstätt: Geometrische Gewalt. Über die "Triangulation an einem Hund". l
Inst. f. Kunstwissenschaften, Kunstpädagogik u. Kunstvermittlung; Universität für angewandte Kunst Wien,
Juni 2006 (Diplomarbeit)
"Triangulationen" ist eine Arbeitsserie, die ich seit 2004 verfolge. Mein Interesse für eine triangulierte Fläche hatte sich jedoch schon zwei Jahre zuvor entwickelt. Ganz im Gegensatz zur neuerlichen Beschäftigung mit dem Thema, war ich zu dieser Zeit fasziniert von der Zwanglosigkeit der triangulierten Struktur. Denn anders als jede schon fixierte Gestalt war diese durch ihre Einfachheit, Flächigkeit und Beweglichkeit in der Lage, jede beliebige Form anzunehmen und so in unzähligen plastischen Varianten zu erscheinen. Das erneute Aufgreifen der Thematik resultierte gleichermaßen aus diesem Reichtum an Möglichkeiten der Struktur wie an der Behinderung des Rasters für eine zweite, der triangulierten Fläche divergenten Gestalt durch deren Kombination. "Triangulation", so lautet der Titel der ersten Arbeit einer neuen Serie, die mit der Kombination der geometrischen Struktur mit dem menschlichen Körper begann.
Der Stoff besteht aus zwei Lagen dehnbarem weißen Lycra, zwischen denen 432 flache, gleichseitige Kunststoffdreiecke in rasterartiger Ausrichtung eingenäht sind. Zwischen den Dreiecken besteht ein Abstand von immer 4 Millimetern. Durch diesen Spielraum lässt sich der Stoff trotz der harten Implantate leicht in unterschiedliche Formen bringen. Während der "triangulierte Stoff" trotz oder gerade wegen seiner vielen Möglichkeiten für sich alleine einer immer unmotivierten Platzierung folgt, gewinnt derselbe eine Spannung aus der Anpassung an andere, schon bestehende Gegenstände. Vor allem seiner Struktur widerstrebende - runde oder biomorphe - Formen schienen besonders interessant in der Kombination. Die erste Aufnahme einer solchen Verbindung stammt aus der Zusammenarbeit mit Kasimir Reimann, der den Stoff mitinterpretiert und zwecks Veröffentlichung in einem Magazin, Tag8 – Es werde Magazin, fotografiert hat.
Das Bild zeigt eine Person, die auf der Lehne eines Polstermöbels sitzt. Der Betrachter sieht sie von der Seite, sie selbst scheint die Aussicht aus einem großen Fenster genießen zu wollen. Zwar ist dieses im Bild nicht sichtbar, doch zeigt ein Schein von kühlem Tageslicht dessen Präsenz. Ihr Kopf ist vollkommen eingehüllt in den triangulierten Stoff. So verwehrt ihr dieser die Aussicht, wie er auch dem Betrachter ihr Gesicht verbirgt. Das Aussehen der Person ist nur mehr abstrakt durch die geometrische Struktur angedeutet, jeder individuelle Zug ist verschleiert. Trotz dieser gewaltigen Einschränkung der Frau strahlt das Bild eine angenehme, fast melancholische Ruhe aus. Die Haltung der Person ist aufrecht und geduldig, ihr Kopf ein wenig nach unten geneigt. Sie wirkt durch die Anwesenheit des Rasters nicht irritiert, mehr erweckt sie den Anschein, dasselbe in Wartehaltung für eine Weile anzunehmen. Auf erzählerische Weise wird hier das Wechselspiel zwischen Sicht und Unsicht, zwischen Anpassung und Eigenleben zweier Körper deutlich, welches aus der Verbindung der strukturierten Fläche mit einem anderen Körper resultiert. In jeder weiteren Arbeit der Serie ?Triangulationen" ist es diese Spannung, die die Rezeption anführt. So wirkt der triangulierte Stoff einerseits wie einer Barriere, die sowohl dem Betrachter den Blick auf die Frau als auch ihr den Blick aus dem Fenster versperrt. Andererseits ist das geometrische Raster jedoch selbst eine Beschreibung, welche die Form des unsichtbaren Gegenstandes in vereinfachter Form wiedergibt. Es codiert die komplizierte Form in eine Reihe immer gleicher Dreiecke, die eine einfachere Informationsverarbeitung ermöglichen. Dass bei einem solchen analytischen Verfahren ein Großteil an Information verloren geht, spielt in dem Bild ebenso eine Rolle, wie die Mauer, die das Raster zwischen dem Betrachter und der Betrachteten errichtet.
Nach weiteren Versuchen einer Verbindung der geometrischen Struktur mit dem menschlichen Körper durch ein Auflegen des Einen auf das Andere, war ein nächster Entwicklungsschritt die direkte Anbringung der Dreiecke an einen Gegenstand. Sowohl der Stoff als Mittelglied zwischen Dreiecken und Körper, das die Struktur zusammenhält als auch der menschliche Leib als Inhalt der Analyse sollten nun wegfallen. ?Triangulation an einer Zeitung" ermöglichte erstmals, das Objekt selbst zum Träger seines Rasters zu machen. Auf der planen Fläche der Zeitung konnten die Dreiecke direkt angebracht werden. Diese unmittelbare Verknüpfung verlangt nun auch vom Gegenstand, sich seinerseits der Struktur anzupassen. Eine weitere Neuerung stellte das plötzliche Verschwinden der Applikationen aus dem Sichtbereich dar. Zwar ist deren Abdruck durch das dünne Papier der Zeitung weiterhin deutlich wahrnehmbar, die technische Erzeugung des geometrischen Musters wurde jedoch zu einem versteckten Geheimnis. Im Gegensatz zu den ersten ?Triangulationen" ist es nun weniger die Struktur, in der ein Gegenstand sichtbar wird, sondern vielmehr der Gegenstand in dem die Struktur sichtbar wird. Während zuvor die minimalistische Form durch den natürlichen Körper erweitert wurde, ist es nun das gegebene Objekt, durch das ein minimalistisches Vokabular spricht. Das Hauptinteresse liegt nun mehr auf dem Körper als auf dem Raster und darauf wie verändert dieser aufgrund der neuen Struktur wahrgenommen wird. Durch eine nur geringfügige Intervention wird aus dem Gebrauchsgegenstand der Zeitung ein ästhetisches Objekt. Dabei ist diese Veränderung eine, die sich in eigener Charakteristik ihrem Darunter (bzw. Darüber) anpasst. Weder Material noch Größe, Volumen, Farbe oder Muster des Objektes ändern sich. Es ist einzig und allein die Struktur seiner Oberfläche, die anders als gewohnt erscheint. Die Struktur ihrerseits verweist wiederum auf eine eigene Geschichte und Logik, die durch die Kombination mit dem einfachen Gegenstand eine ironische Färbung erhält. Die Regelmäßigkeit und Reinheit der Geometrie wird in der Verbindung mit der Tageszeitung durch den sinnlichen Gegenstand überschattet. Ihre abstrakte Ordnung steht nun vor dem Prüfstand, sich gegenüber dem profanen Objekt zu behaupten.
Nach einer Intervention am Raum ("Triangulation an einer Ecke")stellte "Triangulation an einer Katze" das vorerst radikalste Beispiel der Kombination von Gegenstand und geometrischer Struktur dar. Dabei wurde dem Präparat einer gewöhnlichen Hauskatze eine Summe von 36 Dreiecken unter das Fell geschoben. Die Verunklärung der Struktur durch die Länge der Fellhaare macht die Veränderung nur bei näherer Betrachtung erkennbar. Passte die Katze aus der Entfernung noch hervorragend in das Bild der alltäglichen Wahrnehmung, so bedeutet der Blick aus der Nähe hier wieder eine Irritation der Wahrnehmungsgewohnheiten. Für die Manipulation der Katze genügte es nun nicht mehr, das Raster einfach auf der Rückseite einer Fläche anzubringen. Vielmehr war gefordert, in den Körper des Tieres einzugreifen, ihn zu öffnen, zu bearbeiten und wieder zu schließen, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Aus dem Anfügen wurde ein Einfügen, aus dem toten Gegenstand ein totes Lebewesen. Erstmals wurde bei dieser Arbeit in ein geschlossenes System eingegriffen - in ein Tier, das einem natürlichen Wachstum gehorcht und auf das der Mensch nur bedingten Einfluss ausüben kann.
"Triangulation an einem Hund" ist die logische Steigerung der letzten Skulptur. Durch ihre Radikalisierung stellt diese Arbeit einen dramatischen Höhepunkt der bisherigen Serie dar. Denn die menschliche bzw. meine eigene Obsession nach Ordnung und Kontrolle macht auch vor dem Drang nach einer Unterordnung eines lebendigen Tieres nicht halt. Tatsächlich ist die Bearbeitung eines Hundes im Kunstkontext aber nicht mehr ohne weiteres ausführbar, sie scheint jedoch auch nicht so weit entfernt, dass eine Umsetzung überhaupt unmöglich wäre.
Wie aus der kurzen Listung und Beschreibung der bisherigen Arbeiten der "Triangulationen" ersichtlich werden sollte, gibt es weder einen einzigen thematischen Hintergrund, der sich gleichermaßen durch alle Arbeiten zieht, noch streben die einzelnen Arbeiten für sich die Illustration eines einzigen Gedankens an. So war die Aufstellung der Arbeiten hier gleichzeitig ein Verweis auf mögliche Interpretationen derselben. Sie reichen von der Vielfalt an Möglichkeiten der triangulierten Struktur bis zur Behinderung derselben durch eine zweite, differente Form, von der Ästhetisierung eines Objekts bis zur obsessiven Kontrolle über dasselbe.
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